Network-Marketing kotzt mich an

In den letzten Jahren habe ich viele Kundengespräche geführt, in denen Menschen von einer Karriere als selbstständige Vertriebspartner im Network-Marketing geträumt haben. Am Anfang war es der Magnetschmuck, dann sollten es die besten Kosmetik-Produkte der Welt sein und der Klassiker ist das Geschäft mit unseriösen Geldanleger-Strategien. All diese Schneeballsysteme haben eines gemeinsam, denn ganz oben steht ein Hersteller und auf der ersten Ebene darunter ein paar windige Unternehmer, die seit Jahren ihre Kunden abzocken. Seit Monaten bin ich in einer Blase bei Facebook und Instagram gefangen, weil ich leider Kontakt zu einem dieser Abzocker aufgenommen habe. Doch dazu später mehr.

Was ist Network-Marketing?

Network-Marketing verfolgt das Ziel, dass Menschen die Produkte von anderen verkaufen. Dies ist aber nicht mit Empfehlungsmarketing oder auch Affiliate-Marketing vergleichbar, weil es um weit mehr als den eigentlichen Verkauf von Produkten und Dienstleistungen geht. Der Verkauf ist eher zweitrangig, denn in erster Linie sollen die Verkäufer neue Verkäufer akquirieren. Die Pyramide ist ein passendes Symbol für diese Masche, denn der Hersteller steht oben an der Spitze. Darunter kommen die ersten Verkäufer und das Team dieses Verkäufers bildet die nächste Stufe. Wenn diese Stufe dann Produkte verkauft, dann bekommt der Teamleiter eine Provision von seinem Teammitglied und der Hersteller verdient natürlich auch an dem Verkauf seiner Produkte. Oft müssen Verkäufer teure Lizenzen erwerben, die Produkte auf eigene Rechnung kaufen oder kostenpflichtige Veranstaltungen besuchen. Ein gern verwendetes Mittel ist der Druck, denn die Verkäufer bekommen klare Anweisungen, wie neue Mitglieder zu akquirieren sind. Freundeskreise werden abgeklappert, Menschen werden ungefragt im Social Media angeschrieben oder Passanten werden auf der Straße belagert. Als das findet sich in den Geschichten, welche entweder von Aussteigern erzählt werden oder die in den weiter unten verlinkten Reportagen erzählt werden. Oft taugen die Produkte nichts, werden mit Lügen angepriesen oder sind einfach nur überteuert. Es gibt auch Anbieter, die sich mit Investitionen, Trades und Spekulationen beschäftigen und hier geht es schnell an den eigenen Geldbeutel. Im Internet gibt es auch angebliche Berater, welche andere Menschen zu Berater ausbilden, die dann auch Berater ausbilden. Oft wird suggeriert, dass dies jeder Mensch kann und kein Vorwissen braucht. Dies ist natürlich völliger Unsinn und daher hier meine Erfahrungen, Gedanken und Beispiele rund um dieses Thema.

Der „beste“ PR-Manager in Deutschland

Er selbst bezeichnete sich als „der beste PR-Manager Deutschlands“, aber im Internet waren nur wenige gekaufte Artikel über ihn zu finden und insgesamt ließ sich nur die Geschäftsbeziehung zu einem Anwalt bestätigen. In den drei Monaten des Kontakts sagte dieser mir beinahe täglich, dass er angeblich als PR-Manager namhafter Unternehmen geworden wäre und er würde für einen in Deutschland sehr bekannten Investor die PR seines Buchs machen. Dieser Unternehmer ist vielen bekannt als einer der „Löwen“aus einer ebenfalls erfolgreichen TV-Sendung. Noch während des Kontakts postete er immer wieder Bilder mit mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Oliver Kahn, Frank Thelen und Oliver Pocher. Jedes Postings zielte darauf ab, dass diese namhaften Leute bei ihm Kunden wären, doch dies war natürlich nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass diese Prominenten gerne auf Veranstaltungen ihre Reden halten und sich im Anschluss gerne mit den Besuchern fotografieren lassen. Ich glaube sie wissen nicht, dass ihre Fotos am Ende für das eigene Marketing genutzt werden und die Blender des Internets sich mit ihrem Namen ebenfalls einen Namen machen wollen.

Im nächsten Schritt häuften sich die Telefonate dieses angeblichen PR-Managers und ich bekam ständig neue Erfolgsgeschichten. Wir hatten uns davor zu einem Gespräch in Köln getroffen und ab dann rief er mich ständig an, um zu prahlen. Er versprach mir neue Kunden und eine Zusammenarbeit mit ihm sei die Chance für mein Unternehmen. Ich fragte mich schnell, warum er ständig mich anrief, wenn er doch so viel zu tun hatte.

„Firmengründung“ in Dubai

Der Gipfel seiner Lügen war eine angebliche Firmengründung in Dubai. Nach nur einem Besuch vor Ort hätte er doch ein PR-Unternehmen aufgebaut, bereits 15 Angestellte eingestellt und in wenigen Tagen würde die Firma der Öffentlichkeit vorgestellt und richtig rocken. Auf Facebook postete er auch einen Countdown. Noch 5 Tage bis zum Start, in 4 Tagen geht es los, in 3 Tagen stelle ich euch meine Firma vor, noch 2 Tage bis zum großen Knall, morgen geht es richtig los und dann kam die große Sendepause. Kein Wort wurde mehr über dieses Thema verloren. Seit Monaten besteht die Webseite, dessen Entwurf er mir mehrmals stolz schickte, nur aus Platzhaltern und an sich wurden Demo-Daten eines Templates eingespielt und ein paar Sätze übersetzt.

Neue Firma in Spanien

Er hat mich mittlerweile geblockt und dazu später mehr, aber ich kann dennoch noch einige Facebook-Aktivitäten von ihm sehen und so reist er aktuell nach Spanien. Natürlich wieder um eine Firma zu gründen, weil warum diese Firma auch in Deutschland gründen, denn das gäbe weniger Aufmerksamkeit. Ich bin gespannt wie viele Mitarbeiter diese Firma am Ende haben wird und ob jemals Taten nach den Worten folgen werden.

Unbezahlte Rechnung

Abschließend möchte ich noch festhalten, dass der angeblich „erfolgreichste PR-Manager in Deutschland“ im Januar eine Zusammenarbeit mit mir startete. Natürlich bekam ich trotz meiner ausgezeichneten Referenzen nur einen Probemonat und sollte mich wegen seiner namhaften Kunden erstmal beweisen. Ich bekam auf unterschiedlichen Wegen in dem Monat viel Lob und Anerkennung. Kurz vor dem Ablauf des Monats kam dann der überraschende Wandel und plötzlich wurde die Arbeit in Zweifel gestellt, der Probemonat nicht verlängert und ich warte bis heute auf mein Geld. Wir reden hier von einem Betrag in Höhe von 1000 €.

Dieser PR-Manager behauptete übrigens, dass er sich ab April 2019 als Millionär bezeichnen könne. Wenige Tage vor dieser Ankündigung sagte er noch, dass es im Februar 2019 der Fall sei. Nun versicherte er mir mehrfach die Zahlung der Rechnung und gab sogar eine getätigte Überweisung vor. Dann in einer darauffolgenden Nachricht sagte er, die Überweisung würde sich wegen eines Todesfalls in der von ihm beauftragten Steuerkanzlei verschieben. Der Fall liegt aktuell bei unserem Inkassobüro und wird wahrscheinlich vor Gericht landen. Wenn dies alles gelaufen ist, dann habe ich hoffentlich den Mut hier mehrfach seinen Namen einzusetzen, denn er bezeichnet sich bei Instagram selbst als „Person des öffentlichen Lebens“ und daher darf ich die Geschichte veröffentlichen, denn es befinden sich keine Lügen in diesem Artikel.

Einstieg in das Network-Marketing

In dieser kurzen Zeit fand ich allerhand Menschen in seiner Freundesliste, welche ebenfalls als Trainer. Coach oder Berater unterwegs waren. All diese Menschen versprechen Erfolg, Reichtum und natürlich das berühmte passive Einkommen. Für all diese erstrebenswerte Ziele brauchen die Menschen weder Produkt, Idee oder Vorkenntnisse. Er arbeitete plötzlich mit einem sehr bekannten Hochstapler zusammen und präsentierte plötzlich ein Seminar in einem Live-Video im Internet. Dieses Video zeigte ich meinem Team und wir amüsierten uns prächtig. Hier wurde versprochen, dass jeder Teilnehmer ohne vorherige Leistungen berühmt werden würde. In knapp drei Monaten wären diese Menschen berühmt und dazu bekämen sie ein halbstündiges Telefonat mit eben dem „besten“ PR-Manager des Landes.

Die Masche dieser Filterblase ist einfach zum kotzen, denn hier werden Berater „ausgebildet“ und „angelernt“, die einfach den Quatsch ihres Anführers nachsprechen sollen und dafür natürlich dessen Video-Anleitungen kaufen, seine Seminare besuchen und eigene Veranstaltungen durchführen sollen. In dieser „Akademie“. Ich glaube er ist Network-Marketing-Coach und damit Anlaufstelle für all die armen Schweine, die wirklich von dem großen Reichtum mit ihrem Network-Marketing träumen.

Gehirnwäsche auf Events

Unglaubliche Szenen

Immer wieder ballern uns diese Menschen bei Facebook mit spektakulären Videos von Events zu. Die Menschen jubeln, schreien, umarmen sich oder geben Standing Ovations. Sie jubeln den Coaches, Trainern oder Network-Marketing-Anführern zu und erzeugen so auf mehreren Seiten eine anziehende Aufbruchstimmung. Eine gute Reportage über dieses Thema gibt es hier von Funk mit dem Titel „Reuploaded: Der verbotene Film – Network Marketing | Strg_F„, denn dort wird mit Hilfe von Instagram und einer Undercover-Recherche ein Einblick in solch ein Event verschafft. Doch der Höhepunkt findet nach dem Event statt, denn Teilnehmer werden von den Reportern befragt und wir Zuschauer schauen in fragende Gesichter von Menschen nach einer erfolgreichen Gehirnwäsche. Alle wollen mitmachen, doch keiner hat ein Produkt verstanden. Die in der Reportage erwähnte Network-Marketing-Firma wollte die Reportage übrigens gerichtlich verbieten lassen, doch ohne Erfolg. Allein der Versuch zeigt auf, dass es hier um Verschleierung geht und dringend auf diese Art von Geschäft aufgepasst werden muss. Es kann nicht sein, dass in Deutschland dieser Unternehmer öffentlich andere Menschen abzocken und denen nicht das Handwerk gelegt wird.

Erfolgreiche Gehirnwäsche

Ein aktueller Fall von Gehirnwäsche hat mich erst letzte Woche erreicht, denn erst stellte sich mir eine Unternehmerin vor, welche Kunden im Bereich Strategie und Verkaufsförderung beraten wollte, doch plötzlich erzählte sie mir von der attraktiven und lukrativen Möglichkeit sich ein passives Einkommen aufzubauen. Auch sie hatte ein solches Event besucht und wollte nun Kosmetik-Produkte über ihr eigenes Team verkaufen lassen. Auch hierzu gibt es eine passende Reportage, auch wenn es sich hier um Nahrungsergänzungsmittel geht, doch es ist die gleiche Masche. Das Y-Kollektiv deckt in der Reportage „Reich und schlank – Die Juice Plus-Masche mit Nahrungsergänzungsmitteln“ ebenfalls diese Art von Network-Marketing auf. Aktuell hat sie eine neue Firma gegründet, aber träumt bereits jetzt ohne Aufträge von einem eigenen Verkaufsteam und einem passiven Einkommen in Höhe von 5.000 € im Monat. Auf meine kritischen Hinweise bekam ich ein „du denkst immer so negativ“ und „ich kann es besser als alle anderen machen“. Die Frau veränderte in wenigen Minuten ihr komplettes Wesen und als Kritiker war ich ihr Feind. Ich legte ihr mehrere seriöse Quellen vor, die meine Kritik bestätigten, doch sie sagte, dass sie solchen Medien kein Vertrauen schenkt und es selber ausprobieren möchte. Daraufhin trat ich von unserer jungen Kooperationsvereinbarung zurück.

Bewusste Anwerbung von Betrügern und Unwissenden

Die Reportagen und auch meine eigenen Recherchen im Internet haben aufgezeigt, dass diese „Unternehmer“ sich wirklich bewusst an zwei Zielgruppen wenden. Zum einen nehmen sie Kontakt mit leichtgläubigen, verzweifelten und unwissenden Menschen auf, die wirklich an den schnellen Reichtum glauben. Die andere Zielgruppe besteht aus den Menschen, die sich selbst für gute Verkäufer halten, aber auch keine Scheu vor dem Status eines Abzockers oder Betrügers haben. Diese Menschen nehmen für ein paar Euro andere Menschen aus und nehmen sich ihre eigenen Teamleiter und die Aussagen auf den Events unter dem Motto „Das kann ich auch!“ auf.

Vertriebspartner optimieren auf „Kritik“ und „Sekte“

Auf der Suche nach den Schneeballsystemen ist mir etwas aufgefallen. Viele von den selbstständigen Vertriebspartnern oder Frischepartnern optimieren ihre eigenen Webseiten mit Klarstellungen, dass es sich bei ihrem Netzwerk um keine Sekte handelt und jede Kritik unangebracht ist. Allein diese Tatsache, dass hier verstärkt in die Aufklärungsarbeit gegangen wird zeigt in diesem Fall nicht, dass diese Menschen und Verleumdungen leiden, sondern sie selbst keinen anderen Ausweg finden. Wenn die Welt einen Artikel mit der Überschrift „Gefangen in unheimlichen Naturkosmetik-Sekten“ veröffentlicht und sich die Berichterstattung seriöser Medien endlich an die Aufklärung dieser Netzwerke macht, dann haben die Vertriebspartner wirklich ein Problem. Diese glauben wirklich, dass sie mit eigenen Gegendarstellungen neue Partner gewinnen können und wahrscheinlich finden sie auch so ihre Opfer. Etwas schade von der Welt finde ich, dass dieser wichtige Artikel hinter einer Bezahlschranke liegt.

Langfristiger Erfolg im Network-Marketing ist nicht möglich

In einer der Reportagen wird aufgezeigt, dass weit mehr als 95% der selbstständigen Vertriebspartner bei einem Anbieter mit über 44500 Selbstständigen nur wenige hundert Euro im Monat verdient. Dies ist auch immer eine Momentaufnahme, denn einmalige Verdienste sind möglich. Es wird auf den Events und auch in den internen Teams empfohlen, dass im ersten Schritt die eigenen Freunde und Bekannte akquiriert werden sollen. In einer Reportage wurde gezielt geraten, dass doch die Eltern das Startgeld in Höhe von 5000 € zahlen sollte, damit ihr Kind beruflich durchstarten kann. Mich würde es nicht wundern, wenn hier sogar das Argument gebracht werden würde, dass klassische Bildungswege teurer seien als dieses Startgeld. Dieser Szene traue ich alles zu. Niemand stellt sich am Anfang die Frage, woher all die Kontakte kommen sollen, die dann angeblich für ein hohes passives Einkommen sorgen. Es gibt kein „passives Einkommen“, denn für jeden verdienten Euro wurde im Vorfeld der Faktor „Arbeitszeit“ investiert. Die oben genannte Unternehmerin gab immer wieder an, dass sie nichts zu verlieren hätte, weil sie bei diesem Anbieter eben keine Produkte kaufen muss. Sie rechnete der Arbeitszeit aber keinen Wert zu, doch dies ist ein fataler Fehler.

Lasst es mit den Kommentaren

Ich möchte in den Kommentaren das übliche Gewäsch nicht hören. Weder beneide ich jemanden um seinen Lifestyle oder angeblichen Erfolg, noch stecke ich in meinem Hamsterrad fest. Ich habe keinen langweiligen Alltagsjob und kann auch ohne Network-Marketing meine Rechnungen bezahlen, weil ich ehrliche und anständige Arbeit leiste. Auch bin ich kein von den Medien manipulierter Mensch und habe euer Geschäftsmodell sehr wohl verstanden. Den Abrutsch von erfolglosen und gescheiterten Unternehmerinnen und Unternehmern haben wir viele Jahre verfolgen können und hoffentlich öffnet dieser Artikel jemandem die Augen.

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